• Yi

Mit Yi zu Hunyuan Li

Durch die Betonung des „Yi“ in der Namensgebung der von ihm entwickelten Kunst „Yiquan“ wollte Meister Wang Xiangzhai betonen, welcher Aspekt beim Training der inneren Künste besondere Beachtung finden sollte um die innere universelle Kraft, Hunyuan Li, zu entwickeln und zu stärken. Yi ist in sämtlichen der inneren Künste der zentrale Kern im Training, wird aber auf Grund der immer mehr ausufernden Formalisierung und der Entwicklung von rein körperlicher Kraft in den Kampfkünsten in den Hintergrund gedrängt und schlichtweg ignoriert.

Im Taijiquan gilt als zentrale Forderung seit jeher: Yong Yi Buyong Li – Benutze die Intention, Absicht, Vorstellungskraft „Yi“ und nicht körperliche Kraft. Dieser Satz beschreibt das höchste Ideal des Taijiquan.

Im „Lied der 13 Grundbewegungen heißt es: „Yi und Qi als Herrscher – Knochen und Fleisch als Untertan“.

Im Rahmen der klassischen chinesischen Philosophie ist „Yi“ genauso wie „Qi“ ein Begriff mit weitem Bedeutungsgehalt. Vereinfacht kann „Yi“ mit „etwas im Sinn haben“ umschrieben werden. Weitere Umschreibungen sind: Absicht, Stimmung, Vorliebe, Intention, Wille etwas zu tun bzw. einer Idee Ausdruck zu verleihen, Vorstellungskraft, Geist und Bewusstsein. Die Absicht eines Kunstmalers, ein bestimmtes Bild aus seiner Vorstellung zu erschaffen oder die eines Kalligraphen (wird auch biyi – die Absicht des Pinsels genannt) oder die Absicht eines Bildhauers eine in seiner Vorstellung bereits fertige Statue oder Skulptur in Stein zu meißeln. Man erkennt hier bereits die enge Verknüpfung von Vorstellungskraft und Intention diese Auszudrücken. Auch die Natur wird mit derartigen Begriffen belegt, der Himmel hat bspw. die „Absicht“ zu regnen (yuyi), es liegt die Absicht des Herbstes in der Luft (qiuyi), wenn im Spätsommer die erste Kühle verspürt werden kann oder die „Frühlingsabsicht“ (chunyi), sobald die ersten wärmenden Sonnenstrahlen das Ende des Winters andeuten, das erste Eis schmilzt und sich die ersten Knospen zeigen.

Yi in der Umschreibung als Geist/Bewußtsein ist allerdings nur schwer abzugrenzen von den Begriffen Shen (Geist) und Xin (Herz/Bewußtsein). Teilweise werden die Begriffe in den klassischen Texten auch synonym verwendet. Yi ist jedoch Shen und Xin untergeordnet. Im Yiquan verstehen wir Shen und Xin als lebendige „Geisteszustände“ oder „Geisteshaltungen“ während dem Üben. Yi hingegen als Vorstellungskraft, Absicht und Intention, z.B. eine Bewegung mit einer bestimmten inneren Vorstellung auszuführen, um die Hunyuan-Kraft zu entwickeln. Um sich dem Yiquan und dem inneren seines Geistes/Körpers als Anfänger nähern zu können, ohne allzu viel geistige Verwirrung im logischen Denken hervorzurufen verwendet man auf dieser Stufe den Begriff „Vorstellungskraft“. Dies ist für alle Menschen ein fassbarer begriff, der leicht in die Übungen integriert werden kann. Dadurch fällt es Anfängern leichter, sich in die Übungen „hineinzuentspannen“, was zu Beginn essentiell ist.

Mit etwas Übung und Erfahrung erklärt sich das Yi und seine tiefere Bedeutung durch die Erfahrungen beim Üben. Man taucht durch die gemachten körperlichen und mentalen/ emotionalen Erfahrungen immer tiefer in den „Sinngehalt“ dieser Trainingsweise der inneren Künste ein und versteht den Sinn der Betonung von Yi und was diese Trainingsweise bewirkt und welchen Sinn dies in der Anwendung macht. Man nähert sich dadurch automatisch dem Verständnis für innere Kraft (Hunyuan Li), dem begriff „Song“ usw. Dieses „Eintauchen“ in die innere Kunst befreit unseren gefesselten lebendigen Geist und man versteht, wie Shen (Geist) in die Übungen integriert werden muss. Man erkennt also selbst die für die Gesundheitsstärkung so immens wichtige geistige Grundhaltung, die dem Anfänger vom „Lehrer“ mit Begriffen wie „sich wie ein Riese fühlen, der im Meer oder auf einem Berggipfel steht und die unendliche weite der Natur erkennt“ etc. lediglich umschrieben wird. Man soll sich selbst „großartig“ fühlen (dies fällt vielen Menschen jedoch mental schon sehr schwer). Mit verschiedenen „Bildern“ bewegt sich der Lehrer um den eigentlichen (nicht beschreibbaren sondern nur erlebbaren) Kern der Sache herum. Die Frage „wie ist die geistige Haltung, was fühlt man dabei? etc. gleicht in etwa der Frage: „Wie schmeckt eine Cola?“ Man muss sie selbst trinken, um die Beschreibungen von jemand wirklich vollständig zu erfassen, der schon eine Cola getrunken hat. Deshalb ist im Yiquan das eigene Forschen so wichtig, der Weg ist das Ziel. Lehrer beschreiben das Ziel, damit der Schüler den Weg besser erkennt.

Im Zhangzhuang Gong arbeitet man mit der Intention oder auch der Absicht (einer Bewegung), ohne diese jedoch körperlich zuzulassen. Dadurch wird direkt die ebene des Yi angesprochen. Es geht darum, die Bewegung in der Stille zu finden.

Beim Shili/Mocabu-Training wird im wahrsten Sinne des Wortes „untersucht“, wie Yi in der Bewegung aufrechterhalten bleiben kann. Man versucht die Stille in der Bewegung zu erfahren. Wichtig ist dabei der Punkt, wo die tatsächliche Bewegung (Taiji) aus der Stille beginnt (Wuji). Die Bewegung in der Stille (die „innere“ Bewegung oder wie Meister Wang es nannte, die „ewige, grenzenlose“ Bewegung) und die Stille in der Bewegung zu finden wird auch im Taijiquan essentiell betont. Zhang Zhuang Gong ist allerdings eine direktere Methode, mit Yi zu arbeiten und die Bewegungen des Shili sind viel einfacher als die Taijiformen oder gar das Chansigong, damit wirklich ganz genau der Übergang von der Stille in die Bewegung trainiert werden kann, wo das „Taiji“ quasi als Prinzip entsteht. Im Gegensatz zum Taiji betont also das Yiquan hier die Grundlagenarbeit und stellt diese logischerweise in den Mittelpunkt der Übungen und nicht eine festgelegte Bewegungsabfolge. Jegliches exerzieren einer festgelegten Bewegungsabfolge wird sogar als schädlich für unseren lebendigen Geist angesehen. Yiquan hat direkt das Ziel die Lebendigkeit von Shen, Yi und Li auszudrücken. Durch die freie Lebendigkeit kann sich Xin ausdrücken, ohne den Zwang einer Form. Deshalb sieht unsere „Form“ im Yiquan bei jedem Üben anders aus, da Xin sich jeder Zeit frei ausdrücken darf, „ganz danach, wie uns der Sinn steht“. Dies geschieht im Yiquan im Jianwu, dem sogenannten Gesundheitstanz. Dies ist die ursprüngliche Quelle des Taiji, das zu Anfang auch nur im Ausdruck der „13 Grundbewegungen“ bestand.

Diese bestehen aus den „Bamen“ („acht Tore“), den acht Handtechniken und den „Wubu“, den fünf Schrittarten. Die acht Handtechniken sind den „Bagua“ (den acht Trigrammen) und den Himmelsrichtungen (vier Seiten und vier Eckrichtungen) zugeordnet. Die fünf Schrittarten sind den fünf Wandlungsphasen zugeordnet. Sowohl die acht Trigramme, wie auch die fünf Wandlungsphasen sind natürliche Anlagen des Menschen. Es geht darum, „Zhijue Yundong“, die bewusste Bewegung zu erlernen. Im Taijiquan werden die korrespondierenden Kräfte Peng, Lü, Ji, An (= den vier Ecken Süden, Westen, Osten, Norden zugeordnet) und Cai, Lie, Zhou, Kao (= den vier Ecken Nordwest, Südost, Nordost, Südwest zugeordnet). Diese Differenzierung findet im Yiquan jedoch nicht mehr statt. Die universelle Kraft, die Ur-Kraft Hunyuan Li beinhaltet alle diese Kräfte in sich. Je nach Intention Yi zeigt sie sich oberflächlich in ihrer Auswirkung als eine oder besser mehrere dieser Kräfte. Hunyuan Li beschreibt vielmehr das Potenzial dieser Kräfte, denn bspw. in Peng muss gleichzeitig Lü, Ji, und An enthalten sein. Hierin liegt der Unterschied. Hat man Hunyuan Li entwickelt, bzw. befindet man sich im Ur-Zustand der vollkommenen Harmonie, der eine dynamische Potenzialkraft und Bereitschaft darstellt, dann geschieht der Ausdruck der Hunyuan Kraft gemäß dem Erfordernis der jeweiligen Situation. Alle Übungen und künstlich aufgeblähten Trainingsinhalte, die nicht der Entwicklung der Hunyuan-Kraft dienen, wurden deshalb entfernt. Ohne Umwege und Irrwege, ohne künstliche Mythen und Geheimnisse wird direkt zurückgegangen zur Kultivierung des menschlichen Lebenspotenzials oder um es mit den Worten von Meister Wang auszudrücken:

“Das Gewöhnlichste ist das Ungewöhnlichste“.