Yiquan aus wissenschaftlicher (rationaler) Sicht

Der westliche Denkansatz im Bereich medizinischer Behandlungsmethoden und der Sportwissenschaft wird neuerdings sehr um fernöstliche Denkansätze, Trainings- und Therapiemethoden ergänzt. Yiquan leistet hier einen wertvollen Beitrag, um das Beste aus beiden Welten zu vereinen. Das größte Hindernis für eine breitere Akzeptanz der asiatischen Methoden stellen die sozio-kulturellen Begrifflichkeiten früherer asiatischer Denksansätze dar. Begriffe wie „Qi“ etc. als Erklärungs- bzw. Beschreibungsmodell bestimmter Phänomene wirken auf streng rationale westliche Denkansätze eher befremdlich.

Der traditionelle Begriff „Qi“

Qi ist ein Begriff der traditioneller Weise eine Vielzahl an Phänomenen des Lebens erklärt. Ein Blitz am Himmel bei einem Gewitter wird bspw. auch als Qi, hier: „Himmels-Qi, bezeichnet. Dies soll nur ein kleiner Hinweis darauf sein, wie weit der Begriff werwendet werden kann. In den inneren Künsten wurde der Begriff „Qi“ seit Alters her als Erklärung für viele körperlichen und mentalen Vorgänge verwendet und oftmals überdehnt. Dies hat auch zu regelrechten Auswüchsen und Fehlinterpretationen geführt. „Mit Qi kämpfen“, „Meridianpunkte treffen, die Schäden im energetischen System des Getroffenen hervorrufen können, so dass er erst Tage später stirbt“ usw. usw. suggerierten, dass mit „Qi“ zu kämpfen gleichzusetzen ist mit einer mysteriösen „Energie“, mit einer „Superkraft“. Sowohl manche Hong-Kong-Martial-Arts-Filme und auch die Vorführungen der Shaolin-Mönche nähren insbesondere bei uns im Westen diesen Mythos. Sowohl Wang Xiangzhai, wie auch die großen Meister der ersten Generation nach ihm wie Yao Zhongzun haben dieses „überhebliche Denken“ wie sie es nannten stets aufs Schärfste verurteilt und die Anweisung gegeben, derartige Mythen „im Ring“ zu korrigieren. Wang Xiangzhai vertrat stets einen wissenschaftlichen Ansatz. Nur solange man für bestimmte Phänomene und Vorgänge im Körper keine wissenschaftlichen Erklärungen hat, darf man dies mit „Qi“ umschreiben. Wichtig sei, die Prinzipien des Yiquan immer vor dem Hintergrund moderner Erkenntnisse der Sportmedizin, Biomechanik, Sportwissenschaften etc. zu überprüfen, ob sie hiermit im Einklang stehen. Sowohl Meister Wang Xiangzhai, Meister Yao Zhongzun und Meister Wang Xuanjie waren in spirituellen Kreisen hoch angesehene Persönlichkeiten und Autoritäten mit besten freundschaftlichen Beziehungen zu verschiedenen Tempeln und den dort praktizierten Künsten. Yiquan kann man ausschließlich auf Basis der traditionellen chinesischen Philosophie erklären und beschreiben, nachfolgend möchten wir anregen zu einer etwas „moderneren“ Interpretation.

Training des Zentralnervensystems

Alle Bewegungserscheinungen kommen durch konkrete Muskelaktivität zustande. Die Muskelbewegungen werden vom Zentralnervensystem kontrolliert und gesteuert. Durch effektives Training kann man ca. 50% – 70% der Muskelleistung freisetzen und entwickeln. Das verbleibende Potenzial kann man nur mit Hilfe der mentalen Vorstellungskraft erwerben. Mit dem mentalen Training kann man demnach den nicht genutzten Rest der Muskulatur zusätzlich entwickeln. Die Übungen des Yiquan bewirken, das dass im Gehirn gelegene Bewegungszentrum (motorisches Zentrum, bzw. der Motokortex) trainiert wird, indem die jeweiligen Muskeln, in einigen Übungen sogar isoliert von anderen Muskelgruppen, von hier aus längere Zeit kontrahiert werden. Dies geschieht durch den bewussten Einsatz von Yi, also der Intention, Absicht, Aufmerksamkeit oder Vorstellungskraft. Hierdurch wird speziell das Signalverarbeitungssystem des Zentralnervensystems trainiert. Dieses besteht aus entsprechenden Nervenzellen von Gehirn, Rückenmark und Muskeln. Im Gegensatz zum westlichen Krafttraining und Bodybuilding wird hier nicht die Anzahl und Dicke der Muskelfasern erhöht sondern Funktion und Anzahl, also die Quantität und vor allem die Qualität der Synapsenverschaltungen und der Nervenendplatten. Dadurch wird die Informationsübertragung deutlich verbessert. Durch die schnellere Signalverarbeitung, und dadurch verbesserten Reflexen, werden bei einer Entspannung, wie auch bei einer Anspannung eines Muskels mehr Muskelfasern einbezogen und die Leistungskapazität des Muskels wird spürbar besser ausgelastet und es kann mehr Kraft in einer kürzeren zeitlichen Spanne freigesetzt werden.

Signalübertragung in die Muskelfasern

Ein weiterer Effekt des Yiquan-Trainings ist die Art der beanspruchten Muskelfasern. Stark vereinfachend können die Muskelfaser(gruppen) danach unterschieden werden ob sie für die Bewegungsausführung verantwortlich sind oder ob sie eher der Aufrechterhaltung unserer Körperstruktur gegen die Schwerkraft dienen. Diese Unterteilung ist natürlich rein künstlich, dient jedoch zu Anschauungszwecken. Die für die Bewegungsausführung zuständigen Muskelfasern nennen wir zu diesem Zweck „Mobilisatoren“ und die für die Stabilität verantwortlichen Muskelfasern können als „Stabilisatoren“ bezeichnet werden. Sie beinhalten die „gelenkstabilisierenden Muskeln“ und die „Kernhaltemuskulatur“. Die für unsere Bewegungen verantwortlichen Mobilisatoren haben die Eigenschaft, sich schnell zu verausgaben, während die Stabilisatoren eine deutlich höhere Kondition bzw. Ausdauer besitzen. Während der Zhang Zhuang Übungen lernt man durch das bewegungslose Stehen, die Stabilisatoren einzusetzen. Man geht dabei über den Punkt der Leistungsfähigkeit der Mobilisatoren hinaus, bis diese die Stabilisatoren „zu Hilfe rufen“. Anfänger erleben dies als heftiges Muskelzittern und Schütteln des ganzen Körpers. Mit fortschreitendem Training gewöhnt sich die Muskulatur an die effiziente Aufgabenverteilung. Auch hier spielt das Nervensystem eine entscheidende Rolle. Wichtig ist, dass im Falle der Stabilisatoren nicht isolierte Muskelgruppen zum Einsatz kommen, sonder immer das gesamte System (der Stabilisatoren) zum Einsatz kommt. Kein Körperteil bewegt sich aus diesem Grunde isoliert, sondern wenn sich ein Teil bewegt, bewegen sich alle Teile! Mit Hilfe von Yi wird der Motorkortex stimuliert und von hier aus insbesondere die gelenkstabilisierenden Muskeln kontrahiert und wieder entspannt, während die Mobilisatoren jedoch möglichst entspannt bleiben. Dies hat gleichzeitig wieder einen positiven Effekt auf das propriorezeptive Signalverarbeitungssystem. Dieses besteht aus entsprechenden Nerven- und Sinneszellen von Gehirn, Rückenmark, Muskeln und gelenken besteht. Die propriorezeptiven Sinneszellen befinden sich in den Gelenkflächen, der Gelenkkapseln, Sehnen und Bändern und in den das Gelenk umgebenden Muskeln. Sie leiten Informationen über die Gelenkbewegungen an das Zentralnervensystem weiter. Sie messen laufend den Muskeltonus und die Winkelstellung der Gelenke. Im Zentralnervensystem werden darüber hinaus Reflexbildende Voraussetzungen geschaffen. Insbesondere entsteht dadurch ein „Muskelgedächtnis“ für die Bewegungen und ein „automatischer“ Bewegungsablauf wird ermöglicht. Der entscheidende Faktor ist hier, dass die Präzision unserer Bewegungen davon abhängt, wie präzise diese vorher eingespeichert werden. Dadurch entsteht die Fähigkeit bspw. vieler Taiji-Meister, minimale, höchst präzise Bewegungen zu vollziehen. Hier zeigt sich auch die Bedeutung von Yi, der Achtsamkeit im „Einprogrammierungsprozess“. Nach Meinung der klassischen Schriften muss auch eine Taiji-Form 1000mal geübt werden, bevor man überhaupt an Kampfkunstanwendungen denkt. Im Baguazhang wird häufig die Auffassung vertreten, dass die Umprogrammierung des Nervensystems in einer Bewegung 100 Stunden Übung bedarf. Durch Achtsamkeit werden damit die körperlichen Voraussetzungen geschaffen. Es folgt ein inneres Loslassen und Sinken der Körperstruktur und des Körperschwerpunktes, dadurch wird die Körperstatik erheblich verbessert. Man kann sagen, dass der Hauptteil der Yiquan-Übungen die Propriorezeption (Eigenwahrnehmung) des Körpers gezielt fördern.

„Arten“ von Muskeln

Eine weitere Möglichkeit sich dem Verständnis für die Vorgänge in unserem Körper, hervorgerufen durch das Yiquan-Training, zu nähern, ist eine Einteilung der Muskeln in „aktive“ und „passive“ Muskeln. Währen der bewegungslosen Stehmeditationen werden durch den durch Yi ausgelösten Bewegungsimpuls nicht nur die hierfür eigentlich notwendigen aktiven Muskeln stimuliert, sonder auch die passiven Muskeln, damit der aktive Stimulus keine wirkliche körperliche Bewegung auslöst. Dadurch arbeiten während des Trainings sämtliche Muskelgruppen. Der dadurch benötigte höhere Sauerstoffbedarf regt den Blutkreislauf an, ohne die Lunge zu verausgaben. Der gesteigerte energetische Grundumsatz der (Muskel-)Zellen regt den Stoffwechsel im Körper an. Da es zu keiner körperlichen Verausgabung kommt, auch insbesondere die Lunge nicht überbeansprucht wird, entsteht eine Art Überschussenergie im Körper. Die fließenden, sanften Bewegungen lösen Gelenkblockaden und Fehlhaltungen können nachhaltig korrigiert werden. Der Körper wird ganzheitlich in Aktivität versetzt und das Immunsystem merklich verbessert.

Die Summe der Teile

In seinem Kampfkunstaspekt, insbesondere bei der Entwicklung der Fähigkeit zur explosiven Kraftentladung, führen alle beschriebenen Komponenten zusammengenommen zur Entwicklung der inneren Kraft. Diese zeichnet sich nicht nur durch Dynamik und Elastizität aus, sondern mit hohem Wirkungsgrad bezogen auf ein Objekt, auf das sie einwirkt.

Man kann folgende Kraftgleichung aufstellen:

Wirkungsgrad (Impact) = Masse * Geschwindigkeit bzw. Beschleunigung

Die Gleichung zeigt, dass beide für die Wirkungsintensität der Kraft verantwortlichen Komponenten im Trainingsprozess des Yiquan Beachtung finden und intensiv trainiert werden. Durch das Training des Nervensystems und die dadurch schneller mögliche Kontraktion von Muskelgruppen beeinflussen wir quasi die Komponente „Geschwindigkeit“. Durch Einsatz sämtlicher Muskelgruppen für eine einzelne Bewegung und insbesondere durch Einsatz der „Stabilisatoren“ erhöhen wir die Koordination sämtlicher Muskelgruppen und dadurch den Faktor „Masse“. Da unser gesamtes System zusammenarbeitet und nicht einzelne Muskeln verausgabt werden, vergeuden wir nicht unsere Energie, sondern gehen ökonomisch mit ihr um. Dieser Anpassungsvorgang wird auch als Erleichterungsphänomen bezeichnet. Tatsächlich stellt sich bei regelmäßigem Training ein Leichtigkeitsgefühl ein, man fühlt such in seinen Bewegungen sehr geschmeidig.

Letztlich jedoch lassen sich die einzelnen Wirkungsfaktoren des Yiquan-Trainings auf unsere körperliche und geistige Entwicklung nicht isoliert betrachten. Auch hier gilt: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Alle hier isoliert beschriebenen Teilaspekte der Wirkungen des Yiquan-Trainings hängen entscheidend von dem Faktor „Yi“ ab. Denn nur durch den Einsatz von Yi wird eine geeignete mentale Konstitution beim Übenden geschaffen und er entwickelt die benötigte Empfindungsfähigkeit. Man kann in diesem Zusammenhang durchaus von „Einfühlungsvermögen“ in die exerzierte Übung sprechen. Arbeiten wir ohne Yi und Empfindung, dann kann unser Körper nicht lernen, was für die effiziente Bewegung wichtig ist und was zu Gunsten der Effizienz aufgegeben werden muss. Der Körper entwickelt dadurch die Unterscheidungsfähigkeit, was beim Üben des gewünschten Bewegungsmusters an Muskeltonus im gesamten Körper und Bewegungsrichtung erforderlich ist und was nicht.

Eine Analogie

Meister Yao Chengguang vergleicht das Yiquan-Training in einem Artikel mit dem Prozess des Fahrradfahren Lernens. Diese Analogie eignet sich hervorragend, um zu Beschreiben, was sowohl beim Fahrradfahren Lernen, wie auch beim Erlernen des Yiquan (und letztlich jeder anderen Kunst) passiert: die Vereinigung der Gegensätze Yin und Yang zur harmonischen, dynamischen, balancierten Hunyuan-Kraft.

Beginnt man mit dem Fahrradfahren steht man zuerst mit beiden Beinen fest am Boden und hält das Fahrrad zwischen seinen Beinen. Dies ist die aktive Yang-Phase und durch Festigkeit und Stabilität aber auch durch Immobilität gekennzeichnet, für unsere Zwecke ist das die höchste Anspannung (oder gar „Verspannung“ der Muskulatur). Um in Fahrt zu kommen, müssen beide Beine vom Boden auf die Pedale gesetzt werden und die Stabilität des „festen Bodens unter den Füßen“ aufgegeben werden. Dies könnte man als Yin-Aspekt beschreiben, Mobilität ist möglich zu Lasten der Stabilität, für unsere Zwecke ist dies die totale Entspannung, die in ihrem Maximum zu Schlaffheit „Xie“ wird. Wir müssen nun in Fahrt kommen, um nicht umzufallen (Im Maximum des Yin (Schlaffheit) würde ein Umschwingen zu Yang (höchste Stabilität beim auf der Nase liegen) erfolgen, im Kreislauf wird aus Yin also Yang). Wenn wir in Bewegung sind, dann müssen wir dafür sorgen, nicht umzukippen. Unser untrainiertes Zentralnervensystem bekommt ständig Impulse und leitet Gegenbewegungen ein, die es jedoch stets überdosiert (übersteuert). Es pendelt zu stark zwischen Yang und Yin, Anspannung und Entspannung. Die Folge ist: wir fahren Schlangenlinien, da unser Nervensystem die richtige Dosis der Anpassungsreaktion erst erlernen muss. Nach und nach werden die übersteuerten Ausgleichsbewegungen geringer, nicht einzelne Muskelgruppen werden isoliert eingesetzt, sondern wir lernen, den Körper als Einheit auf dem Fahrrad zu halten und uns zu bewegen. Die Schlangenlinien werden geringer, die Bewegungen unseres neuro-muskulären Systems werden immer ökonomischer und verbrauchen immer weniger Energie. Am Ende sind wir eine Einheit, bewegen und geschmeidig vorwärts, der Bewegungsablauf ist im Motokortex abgespeichert und unser Nervensystem mit der Aufgabe vertraut. Wir sind „song“, entspannt aber nicht schlaff, ohne das wir es merken jederzeit mit dem ganzen Körper bereit eine Anpassungsbewegung durchzuführen, die stets richtig dosiert ist. Selbst wenn wir plötzlich einem Hindernis ausweichen müssen können wir in der Lage sein, selbst in einer hohen, blitzschnellen Kraftentfaltung (Fali im Tuishou und in der Übung) balanciert, dynamisch und harmonisch vorzugehen und unsere dynamische Mitte (zwischen den Gegensätzen) nicht zu verlieren. Später setzen wir uns dann auf ein Mountainbike und radeln in den Bergen, abseits präparierter Wege im Gelände herum, wo wir ständig mit Reaktionsbewegungen durch plötzlich auftauchende Hindernisse (Zweikampf) rechnen müssen. Wir agieren aus der Mitte heraus, zwischen den Gegensätzen Yin und Yang, wir agieren mit „innerer Kraft“ Hunyuan Li.