Yiquan Trainingsaufbau

Das Trainingsprogramm wird in sieben Bereiche unterteilt, die seit Yao Zhongxun weitgehend simultan trainiert werden.

Die Trainingsschritte 1 – 4 sind wesentlich für Gesundheit und Meditation sowie die Basis der Kampfkunst. Jene Personen, deren Interesse im Bereich Gesundheitsstärkung und Meditation liegt, praktizieren vor allem den Inhalt dieser Trainingsstufen.

Die weiteren Trainingsschritte 5 – 7 entwickeln spezielle Kampfkunstfähigkeiten. Grundsätzlich jedoch sind die Trainingsschritte 1- 4 auch gleichzeitig der Hauptaspekt für die Entwicklung von Kampfkunstfähigkeiten. Die Trainingsschritte 5 – 7 dienen dem Anwendungszweck der Basis- und Hauptübungen, um stetig zu überprüfen, ob Die Trainingsschritte 1 – 4 effektiv bearbeitet werden order nicht. Dadurch entsteht ein rückgekoppelter Trainingsprozess, denn Erkenntnisse in der praktischen Anwendung veranlassen den Praktizierenden dazu, ständig an seinem Basistraining zu feilen und dieses zu verbessern. Dadurch sind sehr schnelle Fortschritte in den inneren Künsten möglich. Im Yiquan sind Gesundheits- und Kampfkunst untrennbar miteinander verbunden.

1) Zhanzhuang (Stehen wie ein Pfahl-Übungen):
Die Quelle der Kraft des Yiquan liegt in den lange geheimgehaltenen Übungsmethoden der Stehmeditationen. Diese dienen zur Entwicklung des Qi, zur Schärfung des Geistes und letztlich dazu, um das Bewusstsein zu transformieren. Die Übungen wurzeln in der daoistischen Schule des Inneren Elixiers, die sich bis zur Sung-Dynastie zurückdatieren lässt. Zu Anschauungszwecken wird das üben von Zhanzhuang häufig mit dem Wachstum eines Baumes verglichen. Der Übende ist dabei wie ein junger Baum, der trotz seiner anfänglichen Schwäche ruhig und aufrecht steht und dabei jeden Tag ein Bisschen wächst, bis er eines Tages zu einem großen und starken Baum geworden ist. Durch die Übungen der Standmeditation (Zhanzhuang) wird im Yiquan die Energie erzeugt die im Kampf, aber auch zur Gesunderhaltung benötigt wird. Das ist der Haupttrainingsinhalt des Yiquan. Die Übungen bewirken mit Hilfe der gelenkten Vorstellungskraft, dass das im Gehirn gelegene Bewegungszentrum (motorisches Zentrum) trainiert wird, indem die jeweiligen Muskeln von hier aus längere Zeit mit Nervenimpulsen der Muskel-Kontraktion und -Entspannung aktiviert werden, ohne dass eine spürbare Tätigkeit der Muskulatur resultiert. Hierdurch wird speziell das Signalverarbeitungssystem weitergebildet, das aus entsprechenden Nervenzellen von Gehirn, Rückenmark und Muskeln besteht. Im Gegensatz zum westlichen Krafttraining wird hier nicht die Anzahl und Dicke der Muskelfasern erhöht sondern Funktion und Anzahl (Quantität und Qualität) der Synapsenverschaltungen und der Nervenendplatten und damit die Informationsübertragung deutlich verbessert. Dieser Anpassungsvorgang wird auch als Erleichterungsphänomen bezeichnet. Hierzu hat Wang Xiangzhai die Zhanzhunag des Xing Yi Quan weiterentwickelt, bzw. wieder an ihre Quelle geführt. Er erkannte, dass die Stellungen des Xing Yi Quan auf Grund Ihrer Beschränktheit in Bezug auf Kraftrichtungen den Übenden nicht in die Lage versetzen, die Hunyuan-Kraft zu entwickeln. 

2) Shili wird übersetzt mit – das Probieren, Testen, Spüren und “Kosten“ – der inneren Kraft. Durch langsame und fließende Bewegungen, welche am Stand oder mit Schritten durchgeführt werden, werden unterschiedliche Kraftrichtungen entwickelt und “gekostet“. Dies ist ein wichtiger Teil des Yiquan Trainings. Shili, sieht für den nicht eingeweihten Zuschauer wie Tai Chi und Bewegungs-Qigong aus. Die Bewegungen sind aber viel einfacher und sind in ihrer Reihenfolge nicht festgelegt. Im Shili-Training spürst Du die innere Kraft, die durch die Zhanzhuang-Übungen gewonnen wurde, bei den Bewegungen im Raum und bist jederzeit bereit diese zu benutzen. Der Körper wird in sanften, langsamen isometrischen Bewegungen als eine Einheit bewegt. Der Übungsschwerpunkt liegt jedoch genau wie im Zhanzhuang auf der zielgerichteten Vorstellungskraft und einem tiefen Körperempfinden. Man stellt sich bspw. vor, man führt die Bewegungen unter Wasser aus etc. Äußerlich ähneln die Bewegungen dem Taiji. Dabei streben wir danach„Kraft in der Entspannung“ zu finden. Shili versteht sich als Zhanzhuang in der räumlichen Ausdehnung, umgekehrt ist das Zhanzhuang quasi Shili ohne räumliche Dimension, d.h. ohne körperliche Bewegung. Betrachtet man die Shili-Bewegungen als einen Film, dann entspicht das Zhanzhuang den einzelnen Bildern des Film. Die hohe Kunst besteht darin, in jedem „Punkt“ (Bild) der Bewegung im Zustand der Hunyuan-Kraft zu sein.

3) Mocabu: Das isolierte Training der Schritte dient hiervor allem als Basisübung zur Entwicklung von meditativer Achtsamkeit, Gleichgewicht, Standfestigkeit und Mobilität. Werden die die Shili-Übungen mit Mocabu verbunden (= Zoubu-Shili), entsteht der Jianwu, der Gesundheitstanz des Yiquan. Dieser beinhaltet keine festgelegte Form wie das Taichi, sondern durch die freie und intuitive Mischung der Zoubu-Shili-Übungen kann sich unser lebendiger Geist je nach Verfassung und „Laune“ ungezwungen ausdrücken. Unsere „Taichi-Form“ sieht deshalb bei jedem Üben anders aus und entspricht immer unserem derzeitigen Innenleben, dass sich Ausdruck verleiht. Betont man den Kampfkunstaspekt, werden die Fali-Übungen mit einbezogen. Dies entspricht bzw. ähnelt dann quasi der Paochui-Form (Kanonenfaust) des Chen-Taichi.

4) Shisheng – das Stimmtraining: dies sind spezielle Laute (Yi – Laut & You — Laut) welche die innere Kraft durch eine spezielle Kompression auf die inneren Organe stärken und diese vor äußeren Einflüssen, z.B. vor Schlägen schützen.

5) Fali wendet die innere Kraft an und stellt Übungen dar um die Fähigkeit zu erlangen, die Kraft explosionsartig nach außen zu bringen. Es handelt sich um spezielle Shili-Übungen. Übungsziel ist hier genau wie im Taiji die Entwicklung von Kampfkunstfähigkeiten. Durch Fali entwickelt man das nötige Timing um die Kraft rechtzeitig und explosiv nach außen zu bringen. Fali ist die Anwendung der durch Zhanzhuang entwickelten Kraft und der durch Shili sowie Mocabu entwickelten Bewegungsmuster.

6) Tuishou – die schiebenden/ klebenden Hände versteht sich als die Anwendung der inneren Kraft in der Interaktion mit einem Partner. Dabei werden verschiedene Regeln angewendet. Man lernt, die innere kraft zu steuern. Es handelt sich hier um die Shili-Übung zu Zweit, welche die Aufgabe haben, die Sensibilität für den Einsatz von unterschiedlichen Kraftflüssen zu schulen. Im Training des Tuishou lernen wir unsere Arme als Antennen zu benutzen. Hier lernen wir im ersten Kontakt in der Nahdistanz situationsentsprechend zu reagieren (die taktilen Reflexe verbessern). Hierbei kommen u.a. Prinzipien zum Einsatz wie: Ökonomie und Einfachheit in den Bewegungen verwenden, niemals unnötig Kraft gegen Kraft einsetzen, Schwachstellen schaffen und suchen, die ureigensten Instinkte benutzen. Das bedeutet dass man auf vorhandene Druckverhältnisse reflexartig, automatisch reagiert. Die Wahrnehmung der visuellen Fertigkeiten treten damit an die zweite Stelle. Hier deutet sich die praktische Anwendung an, da es im Zweikampf früher oder später zum Armkontakt kommt. Diese Partnerübungen stellen den Schwerpunkt im Unterricht dar.

7) Sanshou – die brechenden Hände. Dieses bezeichnet Partnerübungen in denen keine Techniken festgelegt sind. Diese Übungen führen zu unterschiedlichen Formen des Freikampfes (mit Schutzausrüstung und nur auf freiwilliger Basis), Boxtechniken, Drillübungen, Einbezug der Beine etc.. Sanshou entsteht aus dem Tuishou, indem nach und nach die Regeln aufgegeben werden. Beide Übungsinhalte sind jedoch untrennbar miteinander verbunden. Durch die freie und realitätsnahe Ausführung der erlernten Bewegungsmuster wird das nötige Timing entwickelt, um die innere Kraft rechtzeitig und im Sekundenbruchteil nach außen zu bringen. Die Bewegungsmuster werden durch gezielte Angriffsbewegungen in der Kontaktsituation, bspw. durch verschiedene Schläge, tiefe „Schockkicks“, Knie-, Ellenbogen-, Schulter- und Kopfstösse ergänzt. Diese beschreiben dabei immer den kürzesten Angriffsweg, um schnellstmöglich im Ziel zu landen. Der ganze Körper wird in diese Bewegungen miteinbezogen, dadurch kann eine Kernbewegung ein Hakenschlag sein sich gleichzeitig in einen Ellbogenstoß oder Schulterstoß wandeln etc.