Die drei Phasen im Yiquan

Insbesondere Die Zhang Zhuang Übungen fallen Anfängern sehr schwer, bis ihr neuro-muskuläres System gelernt hat, sich zu entspannen und bis körperliche Blockaden im energetischen System gelöst wurden.

Am Beginn der Übungspraxis ist es wichtig, zuerst verstehen zu lernen, was der Begriff „Song“ (Entspannung) beim Üben des Taijiquan bedeutet. Song ist jedoch keinesfalls gleichzusetzen mit Xie (Schlaffheit). Song zu beherrschen ist eine Kunst, mit der eigenen Kraft richtig, d.h. ökonomisch, umzugehen. Song hat etwas mit Gelöstheit zu tun. Das chinesische Schriftzeichen für Song beschreibt fallendes Damenhaar. Trotz der Gelöstheit (die Damen der Gesellschaft trugen ihre Haare meist hochgesteckt), ist eine vitale Elastizität und Spannkraft deutlich zu sehen.

Man unterscheidet drei Phasen oder besser „Zustände“ der eigenen Entwicklung im Yiquan:

1. Die Phase der Leidenschaft.

Diese kann geprägt sein durch auftretende Muskelschmerzen, Zittern, Schütteln und Vibrieren einzelner Körperglieder und –bereiche, Ungeduld, Demotivation, innere Unruhe während des Übens. Dies sind Zeichen für Ungleichgewichte sowohl in den Körperfunktionen, aber auch im psychischen Bereich. Psychisch kann es zu temporären Stimmungsschwankungen kommen, die allerdings bei regelmäßigem Training bald wieder verschwinden.

2. Die „Süße“ – Phase.

Die in der ersten Phase auftretenden Probleme werden allmählich geringer, in dem Maße, wie sich insbesondere unser Nervensystem beruhigt, bis sie irgendwann ganz verschwinden. Das tägliche Üben wird als Befreiung empfunden, man entwickelt ein Glücksgefühl, dass wie eine leckere Süßigkeit schmeckt, die man mit allen Sinnen genießt. Die Bewegungen werden leichter, ebenso das Körpergefühl. Psychisch entdeckt man ein gesteigertes Selbstvertrauen, die eigene Aggressionsschwelle sinkt deutlich, man wird gelassener und entdeckt die Leichtigkeit des Seins inmitten der Turbulenzen des Lebens. Es gilt, diesen Zustand auch bei Rückschlägen weiter zu Kultivieren. Die Reflexe des Körpers haben sich deutlich verbessert, der ganze Körper bewegt sich als eine harmonische Einheit. Übt man gleichzeitig Taijiquan stellt man fest, dass sich die Bewegungen und das Körpergefühl deutlich verbessert haben. Man hat nun eine deutliche Vorstellung davon, was damit gemeint ist, „ohne Kraft – sondern nur mit der Vorstellung“ sich zu bewegen, d.h. die Bedeutung des „Seidenfadenwickelns“ (Chansigong oder „Reelink Silk“) wird in seiner Bedeutung erfasst. Blockaden in den Körpergelenken haben sich gelöst und der eigene Stand ist fester durch ein intensives Gefühl der Verwurzelung. Die Rückenmuskulatur, insbesondere die Tiefenmuskulatur ist gestärkt worden, Rückenprobleme und Probleme mit der Körperhaltung sind nur noch bei Überbeanspruchung wahrnehmbar. Man fühlt sich vitaler, gesünder und energiegeladener. Vielen werden in dieser Phase Stück für Stück die eigenen Charakterschwächen bewusst, Faulheit und Antriebslosigkeit, bspw. insbesondere nach einem anstrengenden Arbeitstag werden diese aktiv bearbeitet, anstatt sich ihnen ständig zu ergeben. Ängstlichkeiten weichen einer stetig wachsenden Zuversicht. Das eigene Selbstbewusstsein stabilisiert sich weiter.

3. Die heilige Phase.

Über diese können nur „Meister“ berichten, d.h. Menschen, die durch kontinuierliche Arbeit an sich selbst, ihren grenzenlosen Geist von den Illusionen und Trugbildern ihres Persönlichkeitsdenkens Schicht für Schicht befreit haben. Wer einen Eindruck von der erworbenen Vitalität und inneren Kraft auf dieser Stufe haben möchte, dem sein empfohlen mit einem solchen Menschen Tuishou zu üben und es selbst zu spüren. In welcher Phase der „Meister“ sich befindet, erfährt man allerdings erst, wenn man selbst dort angelangt ist. Wang Xiangzhai hat stets betont, dass dieser Entwicklungsweg weitergeht bis zum letzten Atemzug. Deshalb kann es keine vollkommene Kunst geben, nur nach Vollkommenheit strebende Schüler. Im Yiquan wird der Meister deshalb nicht in klassischer Sichtweise gesehen, sondern als größerer Bruder oder Schwester in der Kunst der Kultivierung des eigenen Lebenspotenzials betrachtet.