Yiquan Einführung

Folgende Seiten bieten auch interessante Aspekte zu den inneren Gesundheits- und Kampfkünsten XingYiQuan, Baguazhang, Taijiquan, Qigong und dem System des Chan (Zen), da Yiquan bzw. die grundlegendsten Basisprinzipien, wie sie unter dem Namen Yiquan zusammengefasst sind, den gemeinsamen Kern und somit auch die Essenz der inneren Künste Chinas darstellen.

Jahrhunderte lang wurden die essentiellsten Praktiken nur an sehr wenige „auserwählte“ Schüler weitergegeben. Viele Entwicklungen in der chinesischen Geschichte und die Lebensbedingungen in vergangener Zeit führten zudem dazu, dass diese wunderbaren Künste mit „Showelementen“ angereichert wurden und oftmals zum reinen Broterwerb degenerierten. Die inneren Basisprinzipien wurden im Laufe der Zeit mystifiziert, Geheimniskrämerei und strenge Meister-Schüler-Verhältnisse sicherten den Broterwerb vieler „Meister“ und trugen dazu bei, die Schüler „bei der Stange“ bzw. bei Laune zu halten. Ein Hinterfragen war stets unerwünscht, die Gunst seines Lehrers und die Aussicht auf „höhere Weihen“ erhielt man nur durch Fleiß, Ausdauer, bedingungslosen Gehorsam und absolute Treue dem Meister bzw. dessen Schule gegenüber. Bis in unsere heutige Zeit hat sich das Missverständnis gehalten, dass nur gut bzw. wirksam sein kann, was auch (nach außen sichtbar) kompliziert ist. Diese Einstellung ist in vielen Kreisen sehr weit verbreitet und wird (meist aus kommerziellen Gründen oder aus purer Ignoranz) sogar aktiv gefördert, meist mit dem Hinweis auf die „Tradition“ und dem daraus resultierenden Gehorsam des Schülers gegenüber dem Lehrer, da dieser ja weiß, was gut für den Schüler ist. Bis zu einem gewissen Grad stimmt dies natürlich, auf der Kehrseite ist dem Missbrauch jedoch Tür und Tor geöffnet. Hat ein Schüler eine Form erlernt und inhaltlich aufgenommen, dann hat der „Meister“ um „weiter zu kommen“ schnell eine noch „geheimere“ Form zur Hand und wieder vergehen ein paar Jahre. Auch die Kulturhistorische Geschichte Chinas hat hierbei ihren Anteil. Während der Kulturrevolution wurde die Ausübung dieser Künste unter schwere Strafe gestellt, viel Wissen ging im Untergrund verloren, ein Austausch war kaum noch möglich. Auch in der heutigen Zeit wird fast ausschließlich das „Wushu“ gefördert, sportliche Höchstleistungen und Akrobatik sind das Maß aller Dinge.

Wang Xiangzhai, der „Gründer“ des Yiquan betonte stets „…das Gewöhnlichste ist das Ungewöhnlichste und das Ungewönlichste ist das Gewönlichste…“. Er erkannte gemäß der Aussage von Laotze „…mein Weg ist einfach und klar…“, dass in der Verkomplizierung keine wahre Erkenntnis und kein wahrer Fortschritt gefunden werden kann. Meister Wang war der erste, der mit den alten Traditionen brach und die bis dahin „geheime“ Essenz der inneren Künste einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte. Er tat dies aus seiner tiefen Liebe für die chinesischen Künste heraus, die aus seiner Sicht zu reinen „Tanzformen“ degenerierten, die mit Ihrem Ursprung kaum noch etwas gemeinsam hatten und deutlich an Effizienz eingebüßten. Er bemerkte, dass seine Schüler im Rahmen Ihres XingYiquan Trainings zu sehr Wert auf die Formenlehre legten und dadurch keine Fortschritte machten geschweige denn „innere Kraft“ entwickelten. Er eliminierte die Formenlehre und strich diese auch aus dem Namen des Kampfkunstsystems. Aus dem Namen XingYiquan wurde Yiquan. Dadurch sollte betont werden, wie innere Kraft aufgebaut wird: durch Training des Geistes „Yi“ und nicht dem Nachturnen von Formen und Bewegungsabläufen. Übt man mit „Yi“, dann stimmt die Körpermechanik automatisch. Die Verknüpfung von Körperbewegungen mit Tierformen und den Zyklen der 5-Elemente-Lehre etc. wurde von herausragenden Yiquan-Meistern stets belächelt. Dies hat mit einer „inneren“ Kunst nichts zu tun. Es handelt sich vielmehr um künstliche Versuche, äußere, rein körperliche Aspekte als „innere“, „energetische“ Prinzipien zu kleiden. Das Schlagen des Gegners ohne Körperkontakt, Beeinflussung aus der Distanz, „Kämpfen mit den Augen“ wurden in unzähligen Herausforderungen als „Mummenschanz“ entlarvt und ad absurdum geführt. Viele Veröffentlichungen und Richtigstellungen und das dadurch resultierende brechen mit alten Traditionen hat in damaligen Kreisen großen Unmut heraufbeschworen. Durch den lebendigen Geist, den Wang Xiangzhai und viele seiner Schüler in ihrem Wirken Ausdruck verliehen haben, waren diese jedoch trotz ihrer fundamentalen Kritik an der Art und Weise, wie die inneren Künste damals unterrichtet wurden in religiösen Kreisen hoch angesehene Persönlichkeiten und hatten viele Priester unter ihren Schülern.

Meister Wang Xiangzhai erschuf also keine neue Kampfkunst, sondern strebte Zeit seines Lebens danach, die inneren Künste wieder an ihre Basis zu führen und von allem überflüssigem Ballast zu befreien.

Dabei erhob er jedoch keinen Unfehlbarkeitsanspruch für die Erkenntnisse seines lebenslangen Forschens, sondern vertrat einen für damalige Verhältnisse sehr westlich geprägten, eher wissenschaftlichen Ansatz. Er sah stets ein evolutorisches, wachsendes Element in der Boxkunst. Aufgrund der unglaublichen Effizienz des Systems nannten manche euphorischen Kommentatoren der damaligen Zeit und einige Schüler Meister Wangs Kunst „Dachengchuan“ die „Boxkunst der großen Vollendung“. Meister Wang lehnte diesen Namen jedoch stets ab, da er die Meinung vertrat, dass keine Kunst vollkommen ist, sondern stets nur nach Vervollkommnung gestrebt werden kann und sich jede Kunst deshalb laufend weiterentwickeln sollte. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse über den menschlichen Körper müssen seiner Meinung nach stets Berücksichtigung finden und integriert werden, nur Bereiche, die wissenschaftlich noch nicht zugänglich sind, dürfen weiterhin mit „Qi“ und anderen sehr inhaltsschweren Begriffen erklärt werden. Zufällige schicksalhafte Verkettungen, gepaart mit großem Talent und einer unerschütterlichen Hingabe führten dazu, dass Meister Wang von seinem Lehrer Guo Yunshen in die tiefsten Geheimnisse des XingYiQuan eingeweiht wurde und von Guo Yunshen zu dessen Nachfolger erkoren wurde. Sun Lutang, der Erfinder des ebenfalls sehr lebendigen Sun-Stils des Taijiquan, versuchte ebenfalls die Essenz des Taijiquan, Baguazhang und XingYiQuan in einer Übungsform, dem Sun-Taiji, zu vereinen. Guo Yunshen gab die geheimen Übungen des Zhang Zhuang (Gong) jedoch nur in ihrer ganzen Tiefe an den jungen Wang Xiangzhai weiter, der seine Mitschüler deshalb von seinen Fähigkeiten schnell weit übertraf und später wahres „Können“, d.h. „Gongfu“ in der Kunst des Boxens erreichte.

Dies versetzte ihn die beispiellose Lage, sich auf seiner Studienreise durch ganz China mit den damals fähigsten Lehrern der verschiedensten Stile auszutauschen, von diesen zu lernen und so langsam, Stück für Stück Richtung der Quelle der Boxkunst vorzustoßen und seine eigenen Theorien zu vervollständigen. Meister Wang und seine Meisterschüler nahmen jede ernste Herausforderung an, wahren für Vergleichskämpfe und für freundschaftlichen Austausch immer offen. Im Gegensatz zu seinem Lehrer Guo Yunshen, der seine Gegner auch mal tötete (man gab ihm Aufgrund seiner Fähigkeiten den Spitznamen „Dämonenfaust“), verletzte Wang Xiangzhai seine Herausforderer nie ernsthaft, viele wurden seine Freunde und Schüler, unter ihnen bspw. der japanische Kenpo, Judo und Kendo –Meister Kenichi Sawai der später in Japan Yiquan unter dem Namen „Taikiken“ (was übersetzt „Taijiquan“ bedeutet) unterrichtete. Damals war der freundschaftliche Austausch zwischen den verschiedenen Gongfu-Schulen nicht möglich. Eitelkeiten, Erwerbsprinzipien, Ahnenlinien usw. hatten hierbei seit Generationen ihren Anteil. Es war Wang Xiangzhais großes Anliegen diesen Austausch zu beleben und zu fördern, damit alle voneinander lernen konnten und die chinesischen Künste wieder zu altem Ruhm und Glanz gelangen konnten. Insbesondere während der japanischen Besatzungszeit wurden die chinesischen Künste von japanischen Kampfkünstlern belächelt. Um das angeknackste Selbstbewusstsein seiner Landsleute zu stärken forderte Wang per Zeitungsinserat alle ausländischen Kämpfer heraus. Viele folgten dieser Aufforderung und wurden ausnahmslos besiegt.

Meister Wangs unglaubliche Dominanz brachten ihm zu Lebzeiten großen Ruhm ein. Man sagt, dass der Gongfu-Film „Die Faust des Meisters“ eine Homage an Meister Wang und seine Fähigkeiten war. Meister Wang widmete sich später dann leidenschaftlich nur noch den Gesundheitsaspekten des Yiquan, er unterrichtete und praktizierte viel in Krankenhäusern. Herausforderer durften erst gegen ihn selbst antreten, wenn sie einen seiner Meisterschüler besiegten, was nie geschah. Wang Xiangzhai war auch Zen-Meister, Kalligraph und in der Dichtkunst sehr versiert.

Damals wie heute konzentrieren sich viele Lehrer und Schüler auf eine rein auf Formen ausgerichtete Übungsweise und praktizieren ihre jeweilige Kunst viele Jahre lang, ohne nennenswerte Fortschritte zu erzielen, da die essentiellen Basisprinzipien und das daraus resultierende „Gongfu“ nicht in das Training integriert wurden und werden. Eine Betonung dieser Kernelemente der inneren Künste trägt entscheidend dazu bei, das eigene Niveau deutlich zu steigern und die Formendurchläufe mit dem notwendigen „Inhalt“ zu versehen. Die Verschmelzung von Körper und Geist führt zu der Fähigkeit, den Körper als eine koordinierte Einheit zu bewegen. Boxtechniken werden effizienter, die Kraft durchschlagender, Bewegungsausführungen schneller, die taktilen Reflexe immens gesteigert. Dies geschieht nicht durch ein Training, dass die körperlichen Reserven verausgabt, Herz-Kreislaufsystem und die Lungen überlastet, sondern durch gleichzeitiges Training des Nervensystems, der Körperstrukturarbeit und der Intention, welche sämtliche Bewegungen steuert. Das Bindeglied zwischen Körper und Geist ist das Nervensystem. Nach dieser Auffassung und nach intensiven Forschungen bei der Behandlung verschiedenster Krankheiten mit Yiquan wird vermutet, das Probleme im Cerebralen Kortex und dem Nervensystem sich auf vielerlei Körperfunktionen negativ auswirken können.

In unserem Training erwartet dich keine Magie und kein unterschwelliges Versprechen auf außerordentliche Fähigkeiten oder mysteriöse Energien und Spontanheilungen etc.. Wir gehen gemeinsam dorthin zurück, wo jede Bewegung, sei es ein Gedanke oder eine körperliche Bewegung geboren wird: In die Stille unseres Selbst. Hier beginnen wir mit dem Training auf gedanklicher Ebene, auf der Ebene unsere Gefühle und unseres Körpers. Der absichtsvolle Gedanke (Yi) ist der Vater der Tat, genauso resultiert jede Bewegung aus den gedanklichen Bewegungen in unserem Bewußtsein. Das Nervensystem ist der Mittler zwischen unserer geistigen Ebene (der Gedanken und auch der Gefühle) und unserem Körper. Hier setzen wir mit unserem Training an und stärken dadurch die Verbindung von Körper und Geist. Wir trainieren unsere Körperhaltung und Struktur mit Sanftheit aber mit höchster Effizienz. Dabei sprechen wir nicht nur ein Teil an, sondern das Ganze. Unsere körperliche Haltung verbindet sich mit unserer geistigen Haltung, wir lernen unsere Mitte zu kultivieren und diese durch harmonische Bewegungen beizubehalten. Das Training ist extrem flexibel und erlaubt es jedem, sein „Hauptthema“ zu „bearbeiten“. Darauf legen wir größten Wert. Jeder bringt seine eigenen Voraussetzungen und Vorbedingungen mit. Deshalb stülpen wir nicht eine feste Methode über alle hinweg sondern unser Geist soll sich ohne methodische oder stilisierte Fesseln immer spontan und frei in unserem Körper ausdrücken können. Wir befinden uns alle auf einer gemeinsamen Entdeckungsreise.

Da durch das Yiquan-Training alte Blockaden, tiefsitzende Gefühle und Gedanken gelöst werden können und dies meist überraschend schnell geschieht, ist es wichtig, dass Du offen bist und dich stets mit anderen austauschst und Deine persönlichen Erlebnisse nicht in Deinem innern begräbst, sobald Du Veränderungen spürst. Daraus entsteht sonst viel Unsicherheit und Angst vor dem Training. Sei deshalb bitte immer offen, sei vor allem kritisch und hinterfrage die Dinge. Das hilft Dir, Dich auf dich selbst einzulassen, denn es geht nur um Dich und sonst Niemanden. Manchmal verlangt es von Dir sicher auch eine gehörige Portion Mut und Durchhaltevermögen. Yiquan soll uns lehren, uns selbst zu genießen. Es geht keinesfalls darum, etwas zu „leisten“. Nicht ein Weiterkommen im Yiquan ist das Ziel, sondern in Deinem persönlichen Leben. Deine Individuellen Erfahrungen bei der Kultivierung und Verbesserung Deiner mentalen Stärke, emotionalen Ausgeglichenheit und körperlichen Vitalität beeinflussen alle Deine Lebensbereiche. Wie in allen Bereichen unterliegt die Entwicklung im Yiquan auch Schwankungen. Jeder von uns trägt sein eigenes Päckchen mit sich herum. Da wir dies sehr deutlich im Training selbst erfahren, lernen wir, die anderen in ihrem „So-Sein“ zu akzeptieren und sie nicht zu beurteilen. Die Erfahrungen von jedem Einzelnen bringen uns alle weiter. Das ist unser Weg des Yiquan.

Selbstverständlich ist keine Kunst vollkommen. Wichtig ist, dass die Kunst und die Praktizierenden dieser Kunst voneinander strikt unterschieden werden. Logischerweise hat jemand mit 25 Jahren Erfahrung in seiner Kunst in der Regel „mehr auf dem Kasten“ wie jemand, der nur wenige Jahre seine Kunst trainiert. Genauso kann nicht von einem besser oder schlechter bei den Fähigkeiten eines Praktizierenden gesprochen werden, den dies ist immer eine Aussage, die nur in diesem einen Moment Gültigkeit hat. Auch ein Myke Thyson wird älter und nur weil er seinen Zenit überschritten hat, ist Boxen keine schlechte Kunst. Die Frage ist aber nicht nur, wie effektiv eine Kunst ist, d.h. ob sie den Schüler seinem Ziel näher bringt, sondern auch, wie effizient diese Kunst ist, d.h. wie schnell fundierte Fortschritte möglich sind. Geht der Fortschritt zu Lasten der Gesundheit, was meist erst bemerkbar wird, wenn es schon zu spät ist, wie viele „harte“ Kampfkünstler und Leistungssportler traurigerweise in späteren Jahren erfahren mussten oder wird die dauerhafte Gesundheit in den Mittelpunkt gestellt und als das höchste Gut des Menschen erachtet? Diese Aspekte sollte man stets abwägen. Deshalb stehen bei uns die gesundheitlichen Aspekte im absoluten Vordergrund.